Sorry, to burst your bubble: Daran zu glauben, dass dort draußen alle nach der einen “New Virtual Experience” schreien entspricht bei weitem nicht der Realität. Wieso sollten wir davon ausgehen, dass unsere Kunden, unsere Fans, unsere Teilnehmer in summa den Wunsch nach Augmented, Virtual oder Mixed Reality hegen?
Dieses gegenwärtige Momentum bezeichnet eine Bewegung, einen Fortschritt innerhalb einer fortwährenden Evolution, die wir auf dem Weg der Findung und der Entwicklung der richtigen digitalen, virtuellen oder hybriden Formaten nicht vernachlässigen dürfen.
Wir müssen weit ausholen, um zu verstehen, was unsere Zeit und die darin Denkenden bedürfen. Zu was sie in der Lage sind und zu was sie in der Lage sein könnten. Vor sechs Millionen Jahren trennte sich der Homo Sapiens vom Rest seiner Truppe. Der aufrechte Gang legte den Grundstein für das, was wir heute sind. Uns wird wohl klar sein, das dies nicht über Nacht passierte. Neuronale Verknüpfungen und ihre konstante Stimulation sowie die äußeren Umstände und der damit verbundene Bedarf an Veränderung, um zu überleben, sorgten dafür, dass wir heute das können, was wir vor sechs Millionen Jahren noch nicht konnten. 1
Dies betrachtend erscheint es doch ein wenig naiv, zu erwarten, dass die Affinität und Abilität sich in virtuellen Sphären zu bewegen innerhalb von ein paar Jahren in Mark und Bein und somit auch Hirn übergehen könnte. Wir dürfen nicht den Fehler begehen uns auf die Digital Natives zu verlassen. Diese zwischen 1981 und 1998 Geborenen machen rund 24% unserer Gesellschaft in Deutschland aus. Das mag viel klingen. Dennoch: Digital Natives sind nicht automatisch Virtual Natives. Und neben diesen digital affinen 24%, existieren weitere knapp 28% Vierzig Plus, die per Definition nicht mehr als Digital Natives bezeichnet werden. 2
Dr. Philipp Gunz, Paläanthropologe am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig beschreibt es zusammenfassend wie folgt: Zum Zeitpunkt der Geburt, sind zwar alle Nervenzellen bereits angelegt, diese aber kaum miteinander verknüpft. In der frühen Kindheit beeinflussen selbst geringfügige Abweichungen im Muster der Gehirnentwicklung die Struktur des Gehirns und seine sozialen, emotionalen und kommunikativen Fähigkeiten. 3 Können wir nun laut triumphierend: „Yeah. Got yah“ rufen? Wenn wir das Volk also lange genug mit holprigen Virtual Spaces, eckigen Avataren und leblosen Bots bombardieren, wird es schon lernen, dies auch zu verarbeiten? Im Grunde ja. Durch regelmäßig wiederkehrende Stimuli erlernen wir beispielweise eine neue Sprache, die wir am Ende im Idealfall fließend sprechen können. 4
Spricht dies dafür, dass wir die Evolution also doch überlisten können? Können wir einen Prozess unnatürlich anstoßen, sogar beschleunigen und dies auch noch holistisch und homogen innerhalb einer gegenwärtig existierenden Gesellschaft?
Neben dem Fakt, dass die grundlegende und konzentrierte synaptische Verknüpfung im Kindesalter stattfindet und somit unserem gewünscht rasanten Prozess im Wege steht, wirft uns der österreichische Neurobiologe und Berater Bernd Hufnagl noch mehr Steine in den Weg: Laut ihm und anderen Kollegen auf dem Gebiet der Neurobiologie, beeinflussen die geerbten Verbindungen unserer neurologischen Vorfahren noch heute unsere Wahrnehmung und Interpretation. Alte Muster und Verknüpfungen müssen also erst abgebaut werden, um ein komplett neues Netzwerk schaffen zu können. 5 Wie es nun mal Sache der Evolution ist, so passiert auch das nicht in einem Augenzwinkern.
Wer sitzt aktuell am anderen Ende des Screens? Von wem erwarten wir denn, dass er eine Reality Goggle benutzen soll und sich auch damit wohl fühlen muss, ohne einen Fluchtgedanken zu entwickeln? Es sind die, die eine Driving Experience buchen, eine Waschmaschine kaufen, an einem Produkttraining teilnehmen oder eine Messe für Semikonduktoren besuchen. Es sind Mitarbeiter, Führungskräfte, Kollegen, Endkunden, Interessenten, Community Mitglieder. Hier eine kollektive Anforderung und Affinität anzunehmen, ist in unseren Augen vorschnell und naiv. So wie Menschen sich unterscheiden, so sind auch Erwartungen nicht standardisiert. Selbst Zielgruppen können nicht mehr so einfach stereotypisiert werden, wie wir das bisher gewohnt waren.
Erwartungen werden geformt durch Einflüsse wie das größere aber auch das kleinere soziale Umfeld, den Bildungsstand und die Bildungsbereitschaft, technischen Fähigkeiten und Erfahrungen, den Wunsch nach Erweiterung in eben dieser, sowie den täglichen Habitus und wiederkehrende Routinen. Erwartungen zu treffen erfordert die Erkenntnis, wie und in welchem Maße Hemmschwellen manifestiert sind und wie diese abgebaut werden können.
Wir als kreative Dienstleister, Ideengeber und Berater haben die Verantwortung und den Einfluss, durchdacht ganzheitlich virtuelle oder hybride Lösungen zu finden, die alle Faktoren berücksichtigt und somit Mehrwerte für beide Parteien schafft. Wir haben die Pflicht zu erkennen, wenn auch eine hybride Lösung mehr schlechter Schein als Sein ist. Um dies zu erreichen, müssen wir neutral werden.